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Helen .. und was sagen Sie dazu?
uf dem niedrigen Divan des Ateliers wälzt sich, halb ausgekleidet, eine fesselnd schöne Frau. Ihre Augen leuchten im verschwitzten Gesicht, Haare kleben an der hohen, kindlich gewölbten Stirn.
   Im Fieber des rastlosen Denkens schwirren Gedanken durch ihr Hirn.
   Sie war Lichtbildjägerin einer bedeutenden Zeitung und immer im Kampf mit der Dunkelheit. Nicht wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern Lust am Abenteuer, Rasse und Lebenssinnlichkeit bestimmten diese seltene Frau zu diesem romantischen und gefährlichen Beruf der Neuzeit. Und doch: Verflucht, aber es war so: Sie hatte sich lächerlich gemacht.
   Einige Male war sie in ihrem Sportwagen zur Redaktion gerast. Eine Sensation auf der Platte, die noch sofort in die Zeitung mußte. Und jedesmal war nichts auf dem Negativ zu sehen. "Unterbelichtet!" Zuerst witzelte man in der Redaktion. Beim letzten Male brachen ihre Mitarbeiter in ein endloses Gelächter aus. Und dabei wußten die Hunde genau, wie schwer Momentaufnahmen im Dämmerlicht sind.
   Was meinen Sie, wie unsere Helen auf die Lachsalve ihrer männlichen Kollegen reagierte? Im hohen Bogen kam die Entwicklerschale aus der Dunkelkammer geflogen. Klatsch, lag sie in der Redaktion. Dann kam "sie". Schade, daß Du nicht dabei warst. Bums, flog dem einen ihr Apparat an den Kopf und ehe man sichs versah, hatte jeder eine saftige Ohrfeige weg. Was so zierliche Hände doch für Kraft zeigen können!
   Wie diese extravagante Frau gekommen war, so verschwand sie. Und was hatte sie für Sachen geknipst! Hier seufzte sie tief bei der Erkenntnis: Die sensationellen Ereignisse geschehen fast immer abseits der Sonne und gerade da versagt auch das schärfste Objektiv.
   So kam es, daß ihre fixe Idee ein Objektiv wurde, das mindestens die Lichtreaktion eines menschlichen Auges haben mußte. Sie zog sich zurück in ein kleines Atelier. Nur ab und zu sickerte ein Gerücht durch, daß jedesmal, wenn größere Diamanten versteigert wurden, diese charmante Frau den schönsten Stein erhandelte. Ja, man erzählte sich sogar, ihr wäre es gelungen, den berühmten gestohlenen Diamanten aus der Zarenkrone in ihren Besitz zu bringen. Sollte diese Frau schmucksüchtig geworden sein?
   Als Helen Treff sich mit dem berühmten Amsterdamer Juwelenschleifer van der Bloem und einem Ingenieur aus Jena drei Wochen in ihr Atelier einschloß, begann sich die Oeffentlichkeit stark zu interessieren. Bald wußten es alle. Helen baut eine vollkommene Kamera, deren Linsen aus echten Diamanten geschliffen wurden.
   Und jetzt war es soweit. Die Kamera, mit einem großen Objektiv, das in einer wundervollen Klarheit glänzte, stand auf ihrem Rauchtisch. Ihre Hände liebkosten im Halbschlafe dieses Wunder an Präzision. Noch heute Nacht sollte die erste Aufnahme stattfinden. Eine tausendstel Sekunde Belichtung in der Monddämmerung.
   Helen hatte alles zur Aufnahme vorbereitet, als sie das unsichere Gefühl hatte, es sei noch jemand im Raume. Ehe sie sich umblicken konnte, klangen Worte an ihr Ohr:
   "Verzeihen Sie, daß ich störe!" Ein eleganter Herr stellte sich vor das Objektiv. Der Mond strahlte mit unglaublicher Helligkeit. "Nur eine Aufnahme bitte! Haben Sie scharf eingestellt? Einen Augenblick. Erschrecken Sie nicht!
  

   Ich halte diesen Browning nur aus Scherz an meine Schläfe. Belichten Sie!"
   Unfähig, klar zu denken, im Banne dieses nächtlichen Besuchers, löst Helen den Verschluß. Peitschenartig knallt ein harter kurzer Schuß. Der Fremde sinkt in sich zusammen.
   Verzeihen wir der Reporterin, daß sie den Toten nicht beachtet. Sie stürzt in die Dunkelkammer. Rotes Licht flammt auf. Im Entwickler bilden sich Konturen, jetzt die ganze Gestalt. Sie hält das Negativ an die rote Lichtquelle. "Brillante Schärfe!"
   Sie werden sich wundern, was Helen für ein gerissener kleiner Käfer war. Der Selbstmord unter so eigenartigen Umständen wurde, wie üblich, durch die Zeitungen geschleift. Leider war der Kopf des Toten zerschmettert; auch sonst fehlte jedes Erkennungszeichen. Der Polizei hatte sie genau Bericht erstattet, bis zum Schuß. Ob die Aufnahme gelungen war, darüber war nichts zu erfahren. Auch in den Zeitungen stand hier ein nettes rundes "?".
   Einen energischen Beamten des Erkennungsdienstes, der eine Haussuchung erzwingen wollte, hatte sie in die Geheimnisse des Coktailmixens eingeweiht und dann kurzerhand rausgeschmissen. Prost! Trotzdem hören Sie ihn heute noch faseln von ihrer bezaubernden Liebenswürdigkeit. Ja, die Helen.
   Am zweiten Tage kam ein Korb Telegramme. Helen ließ sie unberührt. Am dritten Tage wurden es weniger. Nach fünf Tagen kamen nur noch zwei gewöhnliche und ein Kabeltelegramm. Helen öffnete sie. Alle hatten fast den gleichen Inhalt:
   sollten sie im besitz dieser ungewöhnlich lichtstarken kamera sein - sollte ihnen die aufnahme im moment des Selbstmordes geglückt sein - sollten sie ihr einverständnis geben, ihrem blatt als einziges die Veröffentlichung zu gestatten: dann einmalige hohe abfindung oder zehn jähre vertrag als photoberichterstatterin.
   Helen legte diese drei Telegramme auf ihren Arbeitstisch, eng nebeneinander, tupfte mit ihren Füllhalter geschlossenen Auges in die Luft. Der Klecks traf das Telegramm der "Times", London.
   Und London machte sie berühmt. Wo etwas passierte, war Helen. Wo sie war, wurde geknipst. Die halbe Welt sprach davon. Bitte stellen Sie sich vor: In Ihrer Zeitung würde über den gestrigen Raubüberfall eine Serie während des Ueberfalls aufgenommener Bilder erscheinen.
   Helen wurde Star der Gesellschaft. Nur einige ältere Diplomaten schüttelten den Kopf: Es nimmt kein gutes Ende. Und es nahm auch kein gutes Ende - oder eigentlich doch? Schon nach einigen Monaten konnten Sie das, im wahren Sinne des Wortes "brillante" Objektiv im British National Museum hinter Glas besichtigen.
  

   Helen emanzipierte sich. Ihre noch immer herrlichen Züge wurden hart. Das strahlende Auge fest. Ein Kerl vom Scheitel bis zur Sohle. Aber einer echten Frau bekommt das nicht. So kam es an einem herrlichen Vormittag. Kinder spielten im warmen Sonnenschein. Der Hyde-Park duftete von kommender Pracht. Frühling. Helen, sportlich gekleidet, niedrige Absätze, festen Gang, verläßt den Park und überschreitet die 11. Street. Eine prächtige Erscheinung.
   Was jetzt folgt, spielte sich in wenigen Sekunden ab: Ein blonder Knabe läuft mit dem Reifen über die Straße. Sein jungenhaftes Jubeln frißt das Knirschen der Bremsen. Überfahren, zerquetscht.
   Helen eilt mit einer Mietsdroschke zur Redaktion. In der Dunkelkammer entwickelt sie drei Aufnahmen:

  1. Der Knabe vor der Straßenbahn.
  2. Zusammenprall.
  3. Unter den Rädern.

   Prächtige Reportage. Knapp vor dem Objektiv hatte sich der Vorgang abgespielt. Sie entsinnt sich: "Mutti," war sein letzter Schrei. Und ... ihr Herz krampft sich zusammen ... Fieber schüttelt ihren Körper ... Glas klirrt zu Boden, schluchzend quellen Tränen aus ihren Augen. Ein Griff, sie hätte den goldigen Knaben retten können.
   Wenn Sie in einem Schweizer Kinderheim eine Pflegerin finden, die durch ihre Schönheit auffällt, seien Sie vorsichtig. Sprechen Sie nicht von Zeitung, Kamera oder Unglücksfällen. Es könnte Helen sein.
  


Aus:
"Photofreund Jahrbuch 1933"
Herausgeber.: Fr. Willy Frerk
Photokino-Verlag GmbH Berlin 1932



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Seite vom: 07.11.2004, 16:35 Uhr (Seite #39)

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